Schriftsprachentwicklung und Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten

Wenn aus Lauten Buchstaben werden

„Mein Kind kann sich Reime kaum merken.“

„Es hört nicht, mit welchem Laut ein Wort beginnt.“

„Beim Schreiben lässt es Buchstaben aus oder vertauscht sie.“

„Lesen ist unglaublich anstrengend.“

„Hat das etwas mit der Sprachentwicklung zu tun?“

Lesen und Schreiben beginnen nicht erst mit der Einschulung.

Lange bevor ein Kind das erste Wort liest, entwickelt es sprachliche Fähigkeiten, auf denen der Schriftspracherwerb aufbauen kann.

Es hört Sprachmelodie und Laute.

Es lernt Wörter.

Es versteht Sätze.

Es entdeckt Reime.

Es beginnt, Wörter in kleinere Einheiten zu zerlegen.

Und irgendwann entsteht eine neue Erkenntnis:

Gesprochene Sprache lässt sich in Schrift verwandeln.

Dieser Entwicklungsschritt ist hochkomplex – und eng mit Sprache verbunden.

Sprache wird sichtbar

Beim Sprechen produzieren und verstehen wir Sprache meist, ohne bewusst über einzelne Laute nachzudenken.

Für das Lesen und Schreiben verändert sich das.

Ein Kind muss zunehmend erkennen, dass ein gesprochenes Wort aus kleineren Einheiten besteht.

Aus:

Mama

werden Silben.

Aus:

Maus

werden einzelne Laute.

Und schließlich entsteht die Verbindung:

Ein Laut kann durch einen Buchstaben oder eine Buchstabenkombination dargestellt werden.

Diese Einsicht ist eine wichtige Grundlage für den Schriftspracherwerb.

Was bedeutet phonologische Bewusstheit?

Unter phonologischer Bewusstheit versteht man die Fähigkeit, die lautliche Struktur von Sprache bewusst wahrzunehmen und mit ihr umzugehen.

Dazu gehören beispielsweise:

  • Reime erkennen und bilden
  • Wörter in Silben gliedern
  • Anlaute erkennen
  • Laute innerhalb eines Wortes wahrnehmen
  • Wörter in einzelne Laute zerlegen
  • einzelne Laute zu einem Wort zusammensetzen

Diese Fähigkeiten entwickeln sich schrittweise.

Sie sind für den Schriftspracherwerb bedeutsam – aber sie erklären nicht allein, warum ein Kind Schwierigkeiten beim Lesen oder Schreiben entwickelt.

Sprachentwicklungsstörungen können bis in die Schulzeit wirken

Eine Sprachentwicklungsstörung endet nicht automatisch mit dem Schuleintritt.

Gerade wenn ein Kind im Alltag inzwischen relativ unauffällig spricht, können Schwierigkeiten in sprachlichen Teilbereichen weiterhin bestehen.

Zum Beispiel bei:

  • Wortschatz
  • Grammatik
  • Sprachverständnis
  • phonologischer Verarbeitung
  • Abruf sprachlicher Informationen
  • Erzählen und Textverständnis

Mit zunehmenden schulischen Anforderungen können diese Schwierigkeiten deutlicher werden.

Denn Schule verlangt Sprache auf einer neuen Ebene:

Kinder sollen nicht mehr nur miteinander sprechen.

Sie sollen über Sprache lernen, Sprache analysieren, Texte verstehen und Wissen sprachlich ausdrücken.

Deshalb kann bei Schwierigkeiten im Schriftspracherwerb ein Blick auf die bisherige Sprachentwicklung wichtig sein.

→ Fachwissen: Sprachentwicklungsstörung (SES/DLD)

Nicht jede Lese-Rechtschreib-Schwierigkeit ist eine Sprachentwicklungsstörung

Diese Abgrenzung ist uns wichtig.

Ein Kind mit Schwierigkeiten beim Lesen oder Rechtschreiben hat nicht automatisch eine logopädische Störung.

Und eine Lese-Rechtschreibstörung darf nicht einfach aus einzelnen sprachlichen Auffälligkeiten abgeleitet werden.

Lesen und Schreiben sind komplexe Lernleistungen, auf die unterschiedliche Faktoren Einfluss nehmen können.

Deshalb fragen wir nicht vorschnell:

„Hat dieses Kind LRS?“

Sondern:

„Welche Fähigkeiten sind schwierig – und welche Ursache bzw. welches Störungsbild liegt dahinter?“

Wenn Laute und Buchstaben schwer zusammenfinden

Bei manchen Kindern zeigen sich Schwierigkeiten besonders deutlich beim Umgang mit der Lautstruktur von Wörtern.

Sie können beispielsweise:

  • Anlaute schwer erkennen
  • Laute aus Wörtern nur mühsam heraushören
  • Lautfolgen schlecht speichern
  • ähnlich klingende Laute verwechseln
  • Wörter nur schwer in Einzellaute zerlegen
  • Laute nur mühsam zu einem Wort verbinden

Solche Beobachtungen können für den Schriftspracherwerb relevant sein.

Sie müssen jedoch im Zusammenhang mit der gesamten sprachlichen und schulischen Entwicklung betrachtet werden.

Ein einzelner auffälliger Bereich erklärt noch keine Lese-Rechtschreibstörung.

Auditive Verarbeitung und LRS sind nicht dasselbe

Auch hier kommt es schnell zu Verwechslungen.

Wenn ein Kind Laute schlecht unterscheidet oder Schwierigkeiten mit phonologischen Aufgaben hat, wird manchmal eine AVWS vermutet.

Doch:

Phonologische Schwierigkeiten, AVWS und Lese-Rechtschreibstörungen sind nicht dasselbe.

Sie können sich in bestimmten Bereichen überschneiden oder gemeinsam auftreten, müssen diagnostisch aber voneinander abgegrenzt werden.

→ Fachwissen: Auditive Verarbeitung und Wahrnehmung (AVWS)

Und welche Rolle spielt Wahrnehmung?

Lesen und Schreiben verlangen das Zusammenspiel vieler Fähigkeiten.

Ein Kind muss beispielsweise:

  • Sprache verarbeiten
  • Aufmerksamkeit ausrichten
  • Informationen speichern
  • Blickbewegungen koordinieren
  • räumliche Orientierung nutzen
  • feinmotorische Bewegungen steuern
  • visuelle Informationen erkennen und unterscheiden

In unserer Fachpraxis betrachten wir deshalb auch die Bedingungen, unter denen Lernen stattfindet.

Doch uns ist eine klare Grenze wichtig:

Eine Lese-Rechtschreibstörung lässt sich nicht pauschal durch eine Wahrnehmungs- oder Sensorische Integrationsstörung erklären.

Ein sensorisch-integrativer Blick kann zusätzliche Informationen über das Kind und seine Lernbedingungen liefern.

Er ersetzt jedoch weder eine spezifische Diagnostik noch eine evidenzbasierte Förderung des Lesens und Schreibens.

Unser sensorisch-integrativer Blick

Die Sensorische Integration bildet das Fundament unseres ganzheitlichen therapeutischen Denkens.

Wir fragen deshalb auch:

Wie gut kann das Kind seinen Körper organisieren?

Unter welchen Bedingungen gelingt Aufmerksamkeit?

Wie geht es mit vielen gleichzeitigen Reizen um?

Wie unterscheiden sich seine Leistungen in ruhigen und komplexen Situationen?

Welche sensorischen Bedingungen unterstützen Lernen?

Diese Fragen können für das Gesamtverständnis eines Kindes wichtig sein.

Aber wir leiten daraus nicht automatisch die Ursache einer Lese-Rechtschreib-Schwierigkeit ab.

Ganzheitlichkeit bedeutet für uns: Zusammenhänge sehen, ohne sie zu vereinfachen.

→ Sensorische Integration

Was kann Logopädie leisten?

Logopädie behandelt nicht automatisch jede Schwierigkeit beim Lesen und Schreiben.

Relevant wird unser Fachgebiet insbesondere dann, wenn sprachliche Beeinträchtigungen Teil der Problematik sind und eine entsprechende logopädische Indikation vorliegt.

Je nach Störungsbild können beispielsweise folgende Bereiche bedeutsam sein:

  • phonologische Verarbeitung
  • phonologische Bewusstheit
  • Lautdifferenzierung
  • Sprachverständnis
  • Wortschatz
  • Grammatik
  • sprachliche Merkfähigkeit
  • sprachliche Strukturierung

Dabei behandeln wir nicht einfach „schlechte Rechtschreibung“.

Wir betrachten die sprachlichen Fähigkeiten, die dem Lernen zugrunde liegen können.

Sprachförderung, Lernförderung und Therapie unterscheiden

Ein Kind kann Unterstützung beim Lesen und Schreiben benötigen, ohne eine logopädische Behandlung zu brauchen.

Dann können beispielsweise schulische Förderung oder andere spezialisierte Angebote der richtige Weg sein.

Liegt dagegen ein logopädisches Störungsbild vor, braucht das Kind eine entsprechend fachlich begründete Therapie.

Diese Unterscheidung schützt Kinder davor, entweder unnötig medizinisiert zu werden – oder eine tatsächliche Sprachstörung lediglich als „Schulproblem“ einzuordnen.

Nicht jede Schwierigkeit braucht Therapie.
Aber jede Schwierigkeit verdient eine passende Antwort.

Interdisziplinär denken

Gerade bei Schwierigkeiten im Schriftspracherwerb ist Zusammenarbeit wichtig.

Je nach Fragestellung können unter anderem beteiligt sein:

  • Eltern
  • Schule
  • Kinderärzt:innen
  • Logopädie
  • Kinder- und Jugendpsychologie bzw. -psychiatrie
  • Pädaudiologie
  • spezialisierte Lerntherapie

Unser Anspruch ist nicht, alle Bereiche selbst abzudecken.

Wir möchten erkennen, welcher Teil tatsächlich zu unserem fachlichen Auftrag gehört – und wann andere Fachdisziplinen gebraucht werden.

Wann kann eine logopädische Einschätzung sinnvoll sein?

Zum Beispiel wenn Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben gemeinsam auftreten mit:

  • einer bekannten oder vermuteten Sprachentwicklungsstörung
  • anhaltenden Problemen im Sprachverständnis
  • eingeschränktem Wortschatz oder grammatischen Schwierigkeiten
  • deutlichen phonologischen Auffälligkeiten
  • Schwierigkeiten beim Erkennen und Verarbeiten von Sprachlauten
  • einer Vorgeschichte ausgeprägter Sprach- oder Aussprachestörungen

Dann kann es sinnvoll sein, die zugrunde liegenden sprachlichen Fähigkeiten genauer zu betrachten.

Lesen und Schreiben sind mehr als Schulleistung

Wenn ein Kind Lesen oder Schreiben nur mühsam lernt, betrifft das häufig mehr als ein Schulfach.

Vielleicht braucht es für Hausaufgaben sehr lange.

Vielleicht beginnt es, sich mit anderen zu vergleichen.

Vielleicht sagt es irgendwann:

„Ich kann das einfach nicht.“

Genau hier braucht es Erwachsene, die unterscheiden können zwischen:

„Du kannst es noch nicht.“

und

„Mit dir stimmt etwas nicht.“

Denn Schwierigkeiten beim Lernen sagen nichts über den Wert oder die Intelligenz eines Kindes aus.

Unser Ziel ist deshalb nicht nur, Defizite zu benennen.

Wir möchten verstehen, welche Unterstützung dieses Kind tatsächlich braucht.

Sie machen sich Gedanken über die sprachlichen Grundlagen des Lesens und Schreibens?

Wenn Ihr Kind Schwierigkeiten im Schriftspracherwerb zeigt und gleichzeitig sprachliche Auffälligkeiten bestehen oder bereits eine Sprachentwicklungsstörung bekannt ist, kann eine differenzierte logopädische Einschätzung sinnvoll sein.

Ob eine logopädische Therapie angezeigt ist, hängt vom individuellen Störungsbild und der entsprechenden medizinischen Indikation ab.

Wenn das Anliegen zu unseren Behandlungsschwerpunkten gehört, können Sie Ihr Kind über unsere digitale Warteliste anmelden.

Zur digitalen Warteliste