Auditive Verarbeitung und Wahrnehmung

Wenn Hören allein nicht bedeutet, Sprache sicher zu verarbeiten

„Mein Kind hört eigentlich gut – versteht Anweisungen aber oft nicht.“

„Im Klassenraum geht bei Lärm vieles verloren.“

„Ich muss Dinge mehrfach sagen.“

„Reime und ähnlich klingende Wörter fallen schwer.“

Solche Beobachtungen können unterschiedliche Ursachen haben.

Manchmal geht es um Aufmerksamkeit.

Manchmal um Sprachverständnis.

Manchmal um Gedächtnis.

Manchmal um das Hören selbst.

Und manchmal um Schwierigkeiten der auditiven Verarbeitung und Wahrnehmung.

Deshalb ist die wichtigste Frage nicht:

„Hat mein Kind AVWS?“

Sondern:

„An welcher Stelle geht die Information verloren?“

Was bedeutet AVWS?

AVWS steht für Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung.

Gemeint sind Schwierigkeiten bei der Verarbeitung auditiver Informationen, die nicht allein durch eine periphere Hörstörung erklärt werden.

Betroffen sein können beispielsweise:

  • auditive Differenzierung
  • Verarbeitung von Sprache bei Störgeräuschen
  • auditive Merkfähigkeit
  • zeitliche Verarbeitung
  • Erkennen und Unterscheiden sprachlicher Lautmuster

Eine AVWS ist jedoch kein Sammelbegriff für alle Probleme mit Zuhören, Konzentration oder Lernen.

Hören, Verarbeiten und Verstehen sind verschiedene Ebenen

Ein Kind kann bei einer Hörprüfung unauffällig sein und trotzdem Schwierigkeiten haben, sprachliche Informationen sicher zu verarbeiten.

Genauso kann ein Kind eine gesprochene Anweisung nicht umsetzen, obwohl die auditive Verarbeitung unauffällig ist – zum Beispiel weil:

  • die sprachliche Formulierung zu komplex ist
  • das Sprachverständnis beeinträchtigt ist
  • die Information nicht lange genug gespeichert werden kann
  • die Aufmerksamkeit gerade nicht verfügbar ist
  • mehrere Anforderungen gleichzeitig verarbeitet werden müssen

Von außen können diese Situationen ähnlich wirken.

Fachlich sind sie unterschiedlich.

Genau deshalb braucht es Differenzialdiagnostik.

Auditive Differenzierung und Sprachlaute

Ein wichtiger Teilbereich ist die Fähigkeit, ähnlich klingende sprachliche Informationen voneinander zu unterscheiden.

Zum Beispiel:

Kanne – Tanne

oder

Kopf – Topf

Diese Fähigkeit kann für die phonologische Verarbeitung relevant sein und bei bestimmten Sprach- oder Aussprachestörungen eine Rolle spielen.

Sie ist aber nur ein Teil eines komplexeren Verarbeitungssystems.

Auditive Merkfähigkeit

Gesprochene Informationen verschwinden schnell.

Damit längere Anweisungen, Sätze oder Geschichten verstanden werden können, müssen Teile davon kurzfristig verfügbar bleiben.

Das kann bedeutsam sein für:

  • mehrteilige Arbeitsaufträge
  • längere sprachliche Äußerungen
  • neue Wörter
  • Unterrichtsinhalte
  • Erzählungen

Auch hier gilt:

Eine schwache auditive Merkfähigkeit allein ist noch keine AVWS-Diagnose.

Wenn Hintergrundgeräusche zum Problem werden

In Kita und Schule laufen viele Reize gleichzeitig.

Kinder sprechen.

Stühle werden bewegt.

Auf dem Flur passiert etwas.

Und trotzdem soll eine sprachliche Information verstanden werden.

Manche Kinder haben unter solchen Bedingungen deutlich mehr Schwierigkeiten als in ruhiger Umgebung.

Das kann sich zeigen durch:

  • häufiges Nachfragen
  • schnelle Ermüdung
  • scheinbares „Abschalten“
  • Schwierigkeiten in Gruppensituationen
  • deutlich bessere Leistungen im Einzelsetting

Solche Beobachtungen sind wichtig.

Sie sind aber nicht spezifisch genug, um daraus allein eine AVWS abzuleiten.

Wer diagnostiziert eine AVWS?

Diese Abgrenzung ist uns besonders wichtig.

Eine AVWS sollte nicht allein aufgrund einer logopädischen Beobachtung oder eines einzelnen Tests diagnostiziert werden.

Die medizinische Diagnostik gehört in entsprechend qualifizierte phoniatrisch-pädaudiologische bzw. audiologische Fachbereiche.

Dort kann unter anderem geprüft werden, ob das periphere Hören unauffällig ist und welche auditiven Verarbeitungsleistungen genauer untersucht werden müssen.

Die Logopädie ergänzt diesen Blick, indem sie sprachlich relevante Verarbeitungsleistungen differenziert betrachtet.

Was kann Logopädie leisten?

Bei entsprechender logopädischer Indikation können beispielsweise folgende Bereiche relevant sein:

  • auditive Differenzierung
  • phonologische Verarbeitung
  • phonologische Bewusstheit
  • sprachliche Verarbeitung und Speicherung
  • Strategien im Umgang mit sprachlich-auditiven Anforderungen
  • Zusammenhänge mit Sprachentwicklung oder Schriftspracherwerb

Welche Bereiche tatsächlich behandelt werden, hängt vom individuellen Befund und dem logopädischen Störungsbild ab.

Logopädie ist also nicht automatisch die Therapie für jede diagnostizierte AVWS.

Verbindung zur Sprachentwicklung

Kinder erwerben Sprache zu einem großen Teil über Hören.

Sie müssen Lautmuster erkennen, Wörter unterscheiden, neue Begriffe abspeichern und gesprochene Sprache verstehen.

Deshalb können auditive Verarbeitungsleistungen bei bestimmten Sprachentwicklungs- oder phonologischen Störungen therapeutisch bedeutsam sein.

Aber:

Eine Sprachentwicklungsstörung ist nicht automatisch eine AVWS.

Und eine AVWS ist nicht automatisch die Ursache einer Sprachentwicklungsstörung.

Zusammenhänge müssen geprüft – nicht vorausgesetzt werden.

Auditive Verarbeitung und Schriftspracherwerb

Auch beim Lesen- und Schreibenlernen spielen sprachlich-auditive Fähigkeiten eine Rolle.

Besonders wichtig ist hier die phonologische Bewusstheit.

Dazu gehören beispielsweise:

  • Reime erkennen
  • Wörter in Silben gliedern
  • Anlaute erkennen
  • Lautfolgen zerlegen und zusammensetzen

Auffälligkeiten in diesem Bereich können für den Schriftspracherwerb relevant sein.

Sie sind jedoch nicht automatisch gleichbedeutend mit AVWS oder einer Lese-Rechtschreibstörung.

→ Fachwissen: Schriftsprachentwicklung und LRS

Unser sensorisch-integrativer Blick

In unserer Fachpraxis bildet die Sensorische Integration das Fundament unseres therapeutischen Denkens.

Das bedeutet, dass wir auditive Wahrnehmung nicht völlig isoliert von der gesamten Reizverarbeitung betrachten.

Ein Kind verarbeitet gleichzeitig:

Geräusche – Bewegung- Berührung- Körperinformationen- Visuelle Reize.

Und die Anforderungen einer bestimmten Situation.

Gerade wenn Leistungen zwischen ruhigen und reizreichen Umgebungen stark schwanken, kann dieser Blick hilfreich sein.

Aber auch hier gilt:

AVWS und Sensorische Integrationsstörung sind nicht dasselbe.

Sensorische Integration ersetzt keine spezifische AVWS-Diagnostik.

Sie hilft uns vielmehr zu fragen:

Unter welchen Bedingungen kann dieses Kind Informationen gut verarbeiten – und welche Faktoren beeinflussen den therapeutischen Prozess?

Diagnostik – konkret statt pauschal

Bei sprachlich-auditiven Auffälligkeiten betrachten wir je nach Fragestellung unter anderem:

  • Sprachverständnis
  • auditive Differenzierung
  • phonologische Verarbeitung
  • auditive Merkfähigkeit
  • Lautverarbeitung
  • phonologische Bewusstheit
  • allgemeine Sprachentwicklung
  • Auswirkungen im Alltag

Vorbefunde aus Pädaudiologie, Phoniatrie, HNO-Heilkunde oder anderen beteiligten Fachbereichen können dabei wichtig sein.

Denn:

Ein auffälliger Testwert allein erklärt noch kein Kind.

Was Eltern und pädagogische Fachkräfte beobachten können

Hilfreicher als die Aussage

„Das Kind hört nicht zu“

sind konkrete Beobachtungen.

Zum Beispiel:

„In ruhiger Umgebung versteht sie Anweisungen gut, in der Gruppe verliert sie schnell den Anschluss.“

„Er verwechselt häufig ähnlich klingende Wörter.“

„Mehrteilige Aufträge kann sie sich schwer merken.“

„Reime und Lautspiele fallen ihm deutlich schwer.“

Solche Beschreibungen helfen viel besser dabei, zu erkennen, welcher Bereich genauer untersucht werden sollte.

Unser Auftrag als Fachpraxis

Wir möchten nicht aus jeder Konzentrationsschwierigkeit eine Wahrnehmungsstörung machen.

Und nicht aus jeder auditiven Auffälligkeit eine AVWS.

Wir möchten unterscheiden:

Geht es um Hören?

Um auditive Verarbeitung?

Um Sprache?

Um Aufmerksamkeit oder Gedächtnis?

Um phonologische Verarbeitung?

Oder wirken mehrere Faktoren zusammen?

Ganzheitlich arbeiten bedeutet für uns auch hier: Zusammenhänge sehen, ohne Fachgrenzen zu verwischen.

Sie beobachten auditive Verarbeitungsauffälligkeiten?

Wenn bei Ihrem Kind Schwierigkeiten der auditiven Verarbeitung vermutet werden, bereits eine entsprechende fachärztliche Diagnostik vorliegt oder sprachlich-auditive Fähigkeiten im Zusammenhang mit einem logopädischen Störungsbild auffällig sind, kann eine logopädische Einschätzung sinnvoll sein.

Ob eine logopädische Behandlung angezeigt ist, hängt vom individuellen Befund und der entsprechenden Indikation ab.

Wenn das Anliegen zu unseren Behandlungsschwerpunkten gehört, können Sie Ihr Kind über unsere digitale Warteliste anmelden.

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