Sensorische Integration

Wahrnehmen. Verarbeiten. Handeln.

Jeder Mensch nimmt fortwährend Informationen aus seinem Körper und seiner Umwelt auf.

Wir spüren Berührung, Bewegung und unsere Körperposition. Wir hören, sehen, riechen und schmecken. Unser Nervensystem muss diese unterschiedlichen Informationen aufnehmen, verarbeiten, miteinander in Beziehung setzen und für eine angemessene Reaktion nutzbar machen.

Dieser neurologische Verarbeitungsprozess wird als Sensorische Integration bezeichnet.

Das Konzept der Sensorischen Integration wurde maßgeblich von der Ergotherapeutin und Entwicklungspsychologin A. Jean Ayres geprägt.

Sensorische Verarbeitung begleitet uns vom Beginn unseres Lebens an und bildet eine wichtige Grundlage dafür, wie wir unseren Körper erleben, mit unserer Umwelt interagieren, Handlungen planen, Aufmerksamkeit ausrichten und auf Anforderungen reagieren können.

Unsere Sinne arbeiten zusammen

Wenn wir an Wahrnehmung denken, fallen uns meist zuerst Sehen, Hören, Riechen und Schmecken ein.

Für die Sensorische Integration sind jedoch insbesondere auch drei körpernahe Sinnessysteme von Bedeutung:

Taktile Wahrnehmung – Berührung und Körpergrenzen

Das taktile System verarbeitet Informationen über die Haut.

Wir nehmen Berührung, Druck, Temperatur und unterschiedliche Oberflächen wahr. Diese Informationen helfen uns unter anderem dabei, unseren Körper und seine Grenzen zu erfahren, Gegenstände zu erkunden und Berührungsreize einzuordnen.

Auch im Mundraum spielt taktile Wahrnehmung eine wichtige Rolle – beispielsweise beim Spüren und gezielten Bewegen von Lippen und Zunge.

Propriozeptive Wahrnehmung – den eigenen Körper spüren

Die Propriozeption vermittelt Informationen über die Stellung und Bewegung unserer Gelenke und Muskeln.

Sie hilft uns beispielsweise einzuschätzen, wo sich unsere Arme, Beine oder unser Kiefer befinden, ohne dass wir hinschauen müssen.

Dadurch können Bewegungen koordiniert, Kraft angepasst und Körperpositionen verändert werden.

Auch für fein abgestimmte Bewegungsabläufe im Bereich von Lippen, Zunge und Kiefer kann die Körperwahrnehmung bedeutsam sein.

Vestibuläre Wahrnehmung – Bewegung und Gleichgewicht

Das vestibuläre System befindet sich im Innenohr und verarbeitet Informationen über Bewegung, Beschleunigung und die Position des Kopfes im Raum.

Es trägt dazu bei, Gleichgewicht zu regulieren, Bewegungen zu koordinieren und uns räumlich zu orientieren.

Aus einzelnen Sinneseindrücken wird eine sinnvolle Erfahrung

Keines dieser Systeme arbeitet für sich allein.

Das Nervensystem verarbeitet gleichzeitig Informationen aus unterschiedlichen Sinnesbereichen und verbindet sie mit bereits gemachten Erfahrungen.

So können wir beispielsweise einen Gegenstand sehen, danach greifen, seine Beschaffenheit ertasten, unsere Kraft anpassen und schließlich mit ihm handeln.

Sensorische Integration bedeutet deshalb nicht einfach „gut wahrnehmen“.

Entscheidend ist, wie Sinnesinformationen verarbeitet, miteinander verbunden und für eine Handlung genutzt werden können.

Wenn Reize anders verarbeitet werden

Menschen unterscheiden sich darin, wie sie sensorische Informationen wahrnehmen und verarbeiten.

Ein Kind kann beispielsweise:

  • bestimmte Berührungen stark vermeiden
  • ungewöhnlich viel Bewegung suchen
  • auf Geräusche besonders empfindlich reagieren
  • Körperkraft schwer dosieren
  • Schwierigkeiten haben, Bewegungsabläufe zu planen
  • schnell von vielen Reizen überwältigt sein
  • sehr viel Aktivität benötigen, um aufmerksam zu bleiben
  • Schwierigkeiten haben, vom hohen Aktivitätsniveau wieder zur Ruhe zu finden

Solche Beobachtungen bedeuten nicht automatisch, dass eine Störung der Sensorischen Integration vorliegt.

Sie können jedoch Hinweise darauf geben, dass es sinnvoll ist, die sensorische Verarbeitung genauer zu betrachten.

Für uns ist dabei entscheidend:

Nicht das einzelne Verhalten wird behandelt. Wir fragen, welche Funktion dahinterstehen könnte und ob sie für das logopädische Anliegen tatsächlich relevant ist.

Regulation und emotionale Sicherheit

Wahrnehmung findet nicht unabhängig davon statt, wie sicher, angespannt, müde oder aktiviert wir uns fühlen.

Stress und hohe Erregung können beeinflussen, wie Reize wahrgenommen und verarbeitet werden. Gleichzeitig können schwer einzuordnende oder sehr intensive Sinneseindrücke wiederum Belastung erzeugen.

Deshalb hat emotionale Sicherheit in unserer therapeutischen Arbeit einen hohen Stellenwert.

Ein Kind, das sich sicher fühlt, Beziehung aufnehmen kann und sich auf eine Situation einlassen kann, bringt andere Voraussetzungen für Exploration, Kommunikation und Lernen mit als ein Kind, das gerade stark mit der Regulation seines eigenen Systems beschäftigt ist.

Therapie bedeutet für uns deshalb nicht, ein Kind möglichst vielen Reizen auszusetzen.

Wir gestalten Situationen so, dass aktive Beteiligung, passende Herausforderungen und positive Erfahrungen möglich werden.

Der Wahrnehmungsentwicklungsbaum

Der Wahrnehmungsentwicklungsbaum nach Rega Schaefgen (externer Link) ist ein anschauliches Modell, um das Zusammenspiel unterschiedlicher Entwicklungsbereiche darzustellen.

Die körpernahen Sinnessysteme – insbesondere taktile, propriozeptive und vestibuläre Wahrnehmung – werden dabei bildlich als Wurzeln beziehungsweise grundlegende Bereiche der Entwicklung dargestellt.

Darauf aufbauend entwickeln und differenzieren sich im Zusammenspiel mit vielen weiteren Faktoren komplexere Fähigkeiten.

Das Bild des Baumes gefällt uns, weil es einen wichtigen Gedanken unserer Arbeit sichtbar macht:

Wenn wir eine Fähigkeit verstehen möchten, lohnt sich manchmal der Blick auf die Voraussetzungen, die darunterliegen.

Dabei verstehen wir den Entwicklungsbaum als Orientierungsmodell, nicht als starre Entwicklungsabfolge oder Erklärung für jedes Problem.

Sensorische Integration und Logopädie

Warum ist SI für unsere Fachpraxis so bedeutsam?

Sprache und Sprechen sind hochkomplexe Leistungen.

Ein Kind muss unter anderem zuhören, unterscheiden, Bedeutung herstellen, Bewegungen planen und koordinieren, mit anderen Menschen in Kontakt treten und seine Aufmerksamkeit auf eine gemeinsame Situation richten können.

Sensorische Verarbeitung kann einige dieser Prozesse beeinflussen.

Das wird beispielsweise interessant, wenn ein Kind neben einer Sprach- oder Sprechauffälligkeit Schwierigkeiten zeigt, seinen Körper sicher wahrzunehmen, Bewegungen zu planen, Reize zu regulieren oder seine Aufmerksamkeit innerhalb einer Kommunikationssituation auszurichten.

Auch bei myofunktionellen und artikulatorischen Auffälligkeiten kann die Wahrnehmung und Koordination im Mund- und Gesichtsbereich therapeutisch relevant sein.

Deshalb fragen wir nicht nur:

Welches sprachliche oder sprechmotorische Symptom sehen wir?

Sondern auch:

Welche Voraussetzungen könnten für genau diesen Menschen und genau dieses Therapieziel bedeutsam sein?

SI ersetzt keine Logopädie

Diese Abgrenzung ist uns besonders wichtig.

Sensorische Integration ist in unserer Fachpraxis kein Erklärungsmodell für jede Sprach-, Sprech- oder Lernauffälligkeit.

Eine Sprachentwicklungsstörung bleibt ein logopädisches Störungsbild und benötigt eine entsprechende fachliche Diagnostik und Therapie.

Sensorische Integration erweitert unseren Blick dort, wo sensorische Verarbeitung für das individuelle Störungsbild und die therapeutischen Ziele relevant ist.

Deshalb arbeiten wir nicht nach einem festen SI-Programm.

Wir verbinden logopädische Diagnostik und störungsspezifische Therapie mit einem sensorisch-integrativen Verständnis des Menschen.

Genau das meinen wir, wenn wir sagen:

Sensorische Integration bildet das Fundament unserer therapeutischen Arbeit.

Greifen. Begreifen. Sprache entwickeln.

Kinder lernen Sprache nicht ausschließlich dadurch, dass sie Wörter hören.

Sie entdecken ihre Umwelt handelnd.

Sie greifen nach Gegenständen, bewegen sie, vergleichen, probieren aus, erleben räumliche Beziehungen und erfahren, welche Wirkung ihr eigenes Handeln hat.

Solche Erfahrungen liefern vielfältige Gelegenheiten für gemeinsame Aufmerksamkeit, Begriffsbildung und Kommunikation.

Aus einem abstrakten „oben“ kann eine konkrete Erfahrung werden, wenn etwas tatsächlich oben liegt. „Schwer“ und „leicht“, „rein“ und „raus“, „unter“ und „über“ können erlebt, benannt und schließlich sprachlich verfügbar werden.

Wir nutzen Bewegung und Wahrnehmung deshalb nicht als Ersatz für Sprachtherapie.

Wir können sie gezielt als bedeutungsvollen Kontext nutzen, in dem Sprache erlebt, verstanden und angewendet wird.

Und was hat das mit Lernen zu tun?

Aufmerksamkeit, Körperhaltung, Bewegungssteuerung und die Verarbeitung relevanter Sinnesinformationen spielen auch in Lern- und Alltagssituationen eine Rolle.

Manche Kinder benötigen beispielsweise viel Energie, um störende Reize auszublenden, ihren Körper zu organisieren oder ihr Aktivitätsniveau zu regulieren. Das kann beeinflussen, wie gut sie sich auf sprachliche oder schulische Anforderungen einlassen können.

Auch hier gilt jedoch:

Nicht jede Konzentrations- oder Lernschwierigkeit ist eine sensorische Verarbeitungsstörung – und nicht jede schulische Schwierigkeit gehört in die Logopädie.

Wir betrachten diese Bereiche deshalb immer im Zusammenhang mit dem konkreten logopädischen Anliegen und empfehlen bei Bedarf eine weitere fachliche Abklärung.

Unser Verständnis von ganzheitlicher Therapie

Ganzheitlichkeit bedeutet für uns nicht, für jedes Problem dieselbe Erklärung zu suchen.

Und sie bedeutet auch nicht, möglichst viele Methoden miteinander zu kombinieren.

Sie bedeutet:

den Menschen in seinen Zusammenhängen zu verstehen und gleichzeitig fachlich klar zu bleiben.

Wir beobachten.

Wir differenzieren.

Wir prüfen Zusammenhänge.

Und wir entscheiden auf dieser Grundlage, welche therapeutischen Schritte für den jeweiligen Menschen sinnvoll sind.

Sensorische Integration gibt uns dafür einen besonderen Blick auf Wahrnehmung, Körper, Bewegung und Regulation.

Die Logopädie gibt uns die fachliche Grundlage für Diagnostik und Behandlung von Sprache, Sprechen, Stimme und den weiteren von uns behandelten Störungsbildern.

Beides zusammen prägt die Arbeit unserer Fachpraxis.

Nichts ist im Verstand, was nicht vorher in den Sinnen war.

John Locke