Dysarthrie und Sprechapraxie

Wenn Sprache vorhanden ist – aber das Sprechen nicht mehr zuverlässig gelingt

Man weiß, was man sagen möchte – doch das Sprechen funktioniert nach einer neurologischen Erkrankung nicht mehr wie gewohnt.

Die Stimme ist vielleicht leiser, die Aussprache undeutlicher oder das Sprechtempo verändert. Bei anderen Menschen beginnt die Suche bereits vor dem hörbaren Wort: Die notwendigen Sprechbewegungen lassen sich nicht zuverlässig planen und programmieren.

Hinter diesen Veränderungen können unter anderem eine Dysarthrie oder eine Sprechapraxie stehen.

Beides sind neurologisch bedingte Sprechstörungen – sie betreffen jedoch unterschiedliche Ebenen der Sprechmotorik.

Dysarthrie betrifft vor allem die neuromuskuläre Steuerung und Ausführung des Sprechens. Sprechapraxie betrifft die Planung und Programmierung willkürlicher Sprechbewegungen.

Diese Unterscheidung ist wesentlich für Diagnostik und Therapie.

Zwei Störungen – zwei Ebenen des Sprechprozesses

Sprechen entsteht in einem komplexen Zusammenspiel.

Ein sprachlicher Inhalt wird formuliert, die erforderlichen Sprechbewegungen werden geplant und programmiert und anschließend über das motorische System ausgeführt.

Genau hier unterscheiden sich Dysarthrie und Sprechapraxie.

Dysarthrie – die motorische Ausführung ist beeinträchtigt

Eine Dysarthrie entsteht durch eine Schädigung des zentralen oder peripheren Nervensystems, die die neuromuskuläre Steuerung des Sprechens beeinträchtigt.

Je nach Störungsbild können verschiedene Funktionsbereiche betroffen sein:

  • Sprechatmung
  • Phonation / Stimme
  • Artikulation
  • Resonanz
  • Sprechtempo
  • Prosodie

Das Sprechen kann dadurch beispielsweise undeutlich, verwaschen, leise, heiser, monoton, verlangsamt oder beschleunigt wirken.

Welche Symptome auftreten, hängt wesentlich von Art und Lokalisation der neurologischen Schädigung ab.

Dysarthrien können unter anderem nach einem Schlaganfall, Schädel-Hirn-Trauma oder im Rahmen neurologischer Erkrankungen auftreten.

Sprechapraxie – die sprechmotorische Planung und Programmierung ist beeinträchtigt

Die Sprechapraxie ist ebenfalls eine erworbene neurologisch bedingte Sprechstörung.

Hier liegt die Störung jedoch nicht primär in einer Schwäche oder Lähmung der Sprechmuskulatur.

Beeinträchtigt ist die Fähigkeit, die für eine beabsichtigte Äußerung notwendigen Sprechbewegungen willkürlich zu planen und zu programmieren.

Mögliche Merkmale sind beispielsweise:

  • artikulatorische Suchbewegungen
  • Schwierigkeiten beim Sprechbeginn
  • Lautentstellungen und Lautersetzungen
  • verlangsamtes Sprechen
  • auffällige Segmentierung oder Pausensetzung
  • Veränderungen von Betonung und Sprechrhythmus
  • erhöhte Anstrengung beim Sprechen

Die Fehler können variieren. Die Abgrenzung allein über das Merkmal „inkonstante Fehler“ wäre jedoch zu kurz gegriffen.

Entscheidend ist das Gesamtmuster der sprechmotorischen Auffälligkeiten.

Was beide Störungen verbindet – und was sie unterscheidet

Dysarthrie und Sprechapraxie können beide dazu führen, dass ein Mensch deutlich schwerer verständlich ist.

Die Ursache innerhalb des Sprechprozesses ist jedoch unterschiedlich:

Dysarthrie → neuromuskuläre Steuerung und Ausführung des Sprechens

Sprechapraxie → Planung und Programmierung von Sprechbewegungen

Diese Unterscheidung hat direkte Konsequenzen für die Therapie.

Bei einer Dysarthrie können beispielsweise Atem-Stimm-Koordination, Artikulation, Stimmgebung, Prosodie oder Sprechtempo therapeutisch relevant sein.

Bei einer Sprechapraxie steht das gezielte Wiedererlernen und Stabilisieren sprechmotorischer Bewegungsmuster stärker im Mittelpunkt.

Ähnliche Auswirkungen auf die Verständlichkeit bedeuten also nicht automatisch dieselbe Störung – und benötigen nicht dieselbe Therapie.

Und wo liegt der Unterschied zur Aphasie?

Eine Aphasie ist keine Sprechstörung, sondern eine erworbene Sprachstörung.

Dabei können unter anderem Wortfindung, Satzbildung, Sprachverständnis sowie Lesen und Schreiben beeinträchtigt sein.

Vereinfacht lässt sich deshalb unterscheiden:

Aphasie → sprachliche Verarbeitung

Sprechapraxie → sprechmotorische Planung und Programmierung

Dysarthrie → neuromuskuläre Steuerung und Ausführung des Sprechens

Wichtig ist jedoch:

Diese Störungsbilder können gleichzeitig auftreten.

Insbesondere nach erworbenen Hirnschädigungen kann beispielsweise eine Sprechapraxie gemeinsam mit einer Aphasie bestehen.

Deshalb reicht es nicht aus, lediglich festzustellen: „Das Sprechen ist verändert.“

Wir müssen herausfinden, welche Ebene oder welche Ebenen betroffen sind.

→ Fachwissen: Aphasie

Differenzierte Diagnostik entscheidet über die Therapie

Eine genaue logopädische Diagnostik ist deshalb zentral.

Bei Verdacht auf Dysarthrie betrachten wir je nach Befund insbesondere die verschiedenen am Sprechen beteiligten Funktionssysteme wie Atmung, Phonation, Resonanz, Artikulation und Prosodie.

Bei Verdacht auf Sprechapraxie untersuchen wir gezielt die sprechmotorische Planung und Programmierung und analysieren unter anderem Art und Muster artikulatorischer und prosodischer Auffälligkeiten.

Gleichzeitig prüfen wir, ob weitere Störungen – beispielsweise eine Aphasie – vorliegen.

Denn:

Erst wenn wir verstehen, wo im Sprach- und Sprechprozess die Beeinträchtigung liegt, können wir gezielt behandeln.

Therapie – unterschiedliche Wege, ein gemeinsames Ziel

Die Therapie richtet sich nach Diagnose, Ursache, Schweregrad und den individuellen Kommunikationsanforderungen.

Bei einer Dysarthrie können – abhängig vom jeweiligen Störungsbild – beispielsweise folgende Bereiche relevant sein:

  • Sprechatmung
  • Stimme
  • Artikulation
  • Resonanz
  • Sprechtempo und Prosodie
  • Strategien zur Verbesserung der Verständlichkeit

Bei einer Sprechapraxie steht die gezielte sprechmotorische Therapie im Vordergrund. Hier können beispielsweise Laut- und Silbenfolgen, Wörter und zunehmend komplexe Äußerungen systematisch erarbeitet und stabilisiert werden.

Dabei spielen intensive und gezielte Wiederholungen sprechmotorischer Bewegungsmuster häufig eine wichtige Rolle.

Wenn Lautsprache allein nicht ausreichend funktioniert, können ergänzend andere Kommunikationswege eingesetzt werden.

Ziel ist nicht ein „perfektes“ Sprechen, sondern eine möglichst effektive, verständliche und selbstbestimmte Kommunikation.

Unser ganzheitlicher Blick – fachlich eingebettet

Auch bei einer klar umschriebenen neurologischen Sprechstörung betrachten wir nicht nur einzelne Laute.

Sprechen entsteht aus dem Zusammenspiel verschiedener körperlicher und kognitiver Funktionen. Belastbarkeit, Aufmerksamkeit, Haltung, Atmung, Stimme und die jeweilige Kommunikationssituation können Einfluss darauf haben, wie gut vorhandene Fähigkeiten genutzt werden können.

Diese Zusammenhänge beziehen wir in die Therapie ein, ohne die neurologische Ursache der Sprechstörung zu vereinfachen.

Unser ganzheitlicher Ansatz ergänzt deshalb die störungsspezifische Behandlung.

Er ersetzt sie nicht.

Therapie muss im Alltag funktionieren

Eine bessere Leistung innerhalb einer Übung ist wichtig – entscheidend ist jedoch, ob sie sich auf Kommunikation übertragen lässt.

Für einen Menschen kann das bedeuten, wieder verständlicher mit der Familie zu sprechen.

Für einen anderen, ein Telefonat führen zu können.

Oder sich im Beruf, beim Arzt oder in einer Gruppe wieder selbst äußern zu können.

Deshalb verbinden wir störungsspezifische Therapie mit individuellen Kommunikationszielen.

Auch Angehörige können dazu beitragen, indem sie ausreichend Zeit geben, störende Hintergrundgeräusche reduzieren und Äußerungen nicht vorschnell vervollständigen.

Für wen ist unser Angebot gedacht?

Unser Angebot richtet sich an Erwachsene mit erworbenen neurologisch bedingten Sprechstörungen, insbesondere bei Dysarthrie und Sprechapraxie, wenn eine entsprechende medizinische Indikation für logopädische Therapie besteht.

Die Störungen können beispielsweise nach einem Schlaganfall, Schädel-Hirn-Trauma oder im Zusammenhang mit neurologischen Erkrankungen auftreten.

Als spezialisierte Fachpraxis prüfen wir bei der Anmeldung, ob Diagnose, individueller Therapiebedarf und unsere fachlichen Behandlungsschwerpunkte zueinander passen.

Wenn Sprechen einen neuen Weg braucht

Dysarthrie und Sprechapraxie sind nicht dasselbe.

Doch für Betroffene können beide bedeuten, dass etwas zuvor Selbstverständliches plötzlich Aufmerksamkeit, Kraft und Zeit benötigt.

Logopädische Therapie setzt deshalb dort an, wo die Störung tatsächlich liegt – und behält gleichzeitig im Blick, wofür ein Mensch sein Sprechen braucht.

Denn eine neurologische Sprechstörung verändert möglicherweise, wie jemand spricht.

Sie verändert nicht, was dieser Mensch zu sagen hat.

Unser Ziel ist, dass er möglichst selbstbestimmt zu Wort kommen kann.

Sie suchen Unterstützung bei einer neurologisch bedingten Sprechstörung?

Wenn bei Ihnen oder einem Angehörigen eine Dysarthrie oder Sprechapraxie diagnostiziert wurde und eine ärztliche Verordnung für Logopädie vorliegt, können Sie sich über unsere digitale Warteliste anmelden.

Bitte geben Sie bei der Anmeldung die Diagnose, die zugrunde liegende neurologische Erkrankung und die aktuelle Situation möglichst konkret an. So können wir einschätzen, ob das Anliegen zu unseren Behandlungsschwerpunkten passt.