Aphasie
Wenn Sprache plötzlich nicht mehr selbstverständlich ist
Ein Gedanke ist da – aber das Wort fehlt.
Eine Frage wird verstanden – doch die Antwort lässt sich nicht formulieren.
Eine Nachricht soll geschrieben werden – und plötzlich fehlen Wörter oder Buchstaben.
Eine Aphasie kann innerhalb kürzester Zeit etwas verändern, das ein Leben lang selbstverständlich war: Sprache.
Für Betroffene und Angehörige ist das oft tiefgreifend.
Doch eine Aphasie verändert nicht den Wert, die Persönlichkeit oder die Lebenserfahrung eines Menschen.
Ein Mensch mit Aphasie hat weiterhin etwas zu sagen – auch wenn es schwerer geworden ist, die Worte dafür zu finden.
Was ist eine Aphasie?
Eine Aphasie ist eine erworbene Störung der Sprache infolge einer Schädigung des Gehirns.
Die häufigste Ursache ist ein Schlaganfall. Aphasen können jedoch auch im Zusammenhang mit anderen neurologischen Erkrankungen oder Hirnschädigungen auftreten.
Betroffen sein können:
- Sprechen
- Sprachverständnis
- Wortfindung
- Lesen
- Schreiben
Ausprägung und Kombination dieser Schwierigkeiten unterscheiden sich von Mensch zu Mensch.
Manche suchen einzelne Wörter. Andere können nur kurze Äußerungen bilden oder verwenden Wörter, die nicht zum gemeinten Inhalt passen. Wieder andere haben Schwierigkeiten, gesprochene Sprache zu verstehen.
Es gibt nicht „die eine“ Aphasie.
Deshalb braucht es eine differenzierte Diagnostik und eine Therapie, die sich am individuellen sprachlichen Profil orientiert.
Aphasie ist keine Denkstörung
Wenn ein Mensch nicht sagen kann, was er sagen möchte, entsteht schnell der Eindruck, er habe etwas nicht verstanden oder wisse es nicht mehr.
Das muss nicht der Fall sein.
Sprache ist ein wesentliches Werkzeug, mit dem wir Gedanken nach außen tragen. Ist dieses Werkzeug beeinträchtigt, kann ein Mensch sehr viel wissen und dennoch Schwierigkeiten haben, dies sprachlich auszudrücken.
Deshalb ist uns im Umgang mit Aphasie wichtig:
Wir sprechen mit dem Menschen – nicht über ihn.
Wir geben Zeit.
Wir nehmen Äußerungen ernst.
Und wir setzen sprachliche Schwierigkeiten nicht automatisch mit eingeschränktem Denken gleich.
Wie kann sich eine Aphasie im Alltag zeigen?
Aphasie begegnet Betroffenen nicht nur im Gespräch.
Auch alltägliche Situationen können plötzlich schwierig werden:
- ein Telefonat führen
- eine Nachricht schreiben
- einen Brief oder eine Speisekarte lesen
- einem längeren Gespräch folgen
- einen Namen oder ein bestimmtes Wort finden
- eine Frage beantworten
- eigene Wünsche und Entscheidungen formulieren
- ein Formular verstehen
Damit kann Aphasie Selbstständigkeit, Beziehungen und gesellschaftliche Teilhabe erheblich beeinflussen.
Genau deshalb interessiert uns nicht nur, wie Sprache im Therapieraum funktioniert, sondern was ein Mensch in seinem Alltag wieder erreichen möchte.
Aphasie, Dysarthrie und Sprechapraxie unterscheiden
Nach neurologischen Erkrankungen können unterschiedliche Kommunikationsstörungen auftreten – teilweise auch gemeinsam.
Bei einer Aphasie ist das sprachliche System betroffen.
Bei einer Dysarthrie sind vor allem Steuerung und Ausführung der Sprechbewegungen beeinträchtigt.
Bei einer Sprechapraxie ist insbesondere die Planung und Programmierung von Sprechbewegungen gestört.
Von außen können sich diese Störungen teilweise ähnlich zeigen. Therapeutisch sind sie jedoch unterschiedlich.
Deshalb steht vor einer gezielten Behandlung eine differenzierte logopädische Diagnostik.
→ Fachwissen: Dysarthrie und Sprechapraxie
Diagnostik – was ist verändert und was ist erhalten?
In der logopädischen Diagnostik betrachten wir je nach Fragestellung unter anderem:
- Sprachverständnis
- Wortfindung
- Sprachproduktion und Satzbildung
- Lesen und Schreiben
- kommunikative Fähigkeiten im Alltag
- vorhandene Strategien und Ressourcen
Standardisierte Diagnostik und therapeutische Beobachtung ergänzen sich dabei.
Denn ein Testergebnis zeigt einen wichtigen Ausschnitt – entscheidend ist aber auch, welche Auswirkungen die Aphasie auf das Leben des Menschen hat.
Was kann logopädische Therapie leisten?
Die Therapie richtet sich nach Art und Ausprägung der Aphasie sowie den persönlichen Bedürfnissen.
Mögliche Schwerpunkte sind beispielsweise:
- Wortfindung
- Sprachverständnis
- Satzbildung
- sprachliche Strukturierung
- Lesen und Schreiben
- kommunikative Strategien
- ergänzende Kommunikationsmöglichkeiten
Dabei kann es sowohl darum gehen, beeinträchtigte sprachliche Funktionen gezielt zu verbessern als auch darum, andere Wege der Verständigung zu entwickeln.
Gestik, Schreiben, Zeichnen, Bilder oder weitere Hilfsmittel können Kommunikation unterstützen.
Kommunikation muss nicht perfekt sein, um zu gelingen.
Persönliche Ziele gehören in die Therapie
Sprache ist kein isoliertes Trainingsziel.
Für einen Menschen bedeutet Fortschritt vielleicht, wieder selbstständig einzukaufen.
Ein anderer möchte mit seinen Enkelkindern sprechen.
Jemand möchte Nachrichten schreiben, telefonieren, lesen oder bei medizinischen Entscheidungen selbst ausdrücken können, was ihm wichtig ist.
Deshalb fragen wir:
Was möchten Sie in Ihrem Alltag wieder selbst tun können?
Therapeutische Ziele sollen nicht nur im Test messbar sein.
Sie sollen im Leben einen Unterschied machen.
Unser ganzheitlicher Blick
Eine neurologische Erkrankung betrifft häufig mehr als eine einzelne Funktion.
Kommunikation kann unter anderem beeinflusst werden durch:
- körperliche Belastbarkeit
- Aufmerksamkeit
- Wahrnehmung
- Tagesform
- emotionale Situation
- Umgebung und Reizbelastung
- persönliche Ziele
Deshalb betrachten wir nicht ausschließlich die sprachliche Störung.
Wir berücksichtigen auch die Bedingungen, unter denen Kommunikation gelingt oder erschwert wird.
Unser ganzheitlicher Ansatz ergänzt dabei die spezifische neurologisch-logopädische Behandlung – er ersetzt sie nicht.
Angehörige als wichtige Kommunikationspartner
Auch für Angehörige verändert eine Aphasie vieles.
Gespräche dauern möglicherweise länger, Missverständnisse entstehen häufiger und aus dem Wunsch zu helfen wird manchmal zu schnell ein Wort oder eine Antwort vorgegeben.
Hilfreich kann sein:
- ausreichend Zeit für Antworten zu geben
- kurze und klare Informationen anzubieten
- nicht mehrere Fragen gleichzeitig zu stellen
- Gestik, Schrift oder Bilder unterstützend einzusetzen
- Verständnis zu überprüfen, ohne zu bevormunden
- möglichst ruhige Gesprächssituationen zu schaffen
Und manchmal ist die wichtigste Unterstützung überraschend einfach:
warten.
Eine Pause muss nicht bedeuten, dass ein Mensch nichts zu sagen hat.
Vielleicht braucht die Sprache nur länger, um ihren Weg nach außen zu finden.
Wie lange sind Fortschritte möglich?
Gerade nach einem Schlaganfall können in der frühen Phase deutliche Veränderungen stattfinden.
Sprachliche Entwicklung ist jedoch nicht grundsätzlich auf die ersten Wochen oder Monate begrenzt. Auch später können Veränderungen möglich sein.
Wie sich eine Aphasie entwickelt, hängt von vielen individuellen Faktoren ab.
Deshalb versprechen wir keine bestimmten Ergebnisse.
Wir schauen vielmehr:
Was ist jetzt möglich?
Was ist für diesen Menschen bedeutsam?
Und welcher nächste Schritt ist realistisch?
Für wen ist unser Angebot gedacht?
Unser Angebot richtet sich an Erwachsene mit erworbenen neurologisch bedingten Sprachstörungen, bei denen eine logopädische Behandlung medizinisch indiziert ist und das Anliegen zu unseren fachlichen Schwerpunkten passt.
Eine Behandlung kann beispielsweise nach einem Schlaganfall oder im Zusammenhang mit anderen neurologischen Erkrankungen erforderlich sein.
Als spezialisierte Fachpraxis prüfen wir bei der Anmeldung, ob das konkrete Störungsbild zu unserer fachlichen Ausrichtung und unseren aktuellen Behandlungsmöglichkeiten passt.
Wenn Worte fehlen, bleibt der Mensch
Eine Aphasie kann Sprache tiefgreifend verändern.
Aber sie nimmt einem Menschen nicht seine Geschichte, seine Erfahrungen, seine Beziehungen oder sein Recht, selbst gehört und einbezogen zu werden.
Logopädische Therapie kann dabei helfen, sprachliche Fähigkeiten wieder zugänglicher zu machen und neue Wege der Verständigung zu entwickeln.
Denn hinter einem fehlenden Wort steht kein fehlender Gedanke.
Dort steht ein Mensch, der weiterhin etwas zu sagen hat.
Sie suchen logopädische Unterstützung nach einer neurologischen Erkrankung?
Wenn bei Ihnen oder einem Angehörigen eine Aphasie diagnostiziert wurde und eine ärztliche Verordnung für Logopädie vorliegt, können Sie sich über unsere digitale Warteliste anmelden.
Bitte beschreiben Sie bei der Anmeldung das neurologische Störungsbild und die aktuelle Situation möglichst konkret. So können wir einschätzen, ob das Anliegen zu unseren Behandlungsschwerpunkten passt.
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