Stottern und Poltern
Wenn Sprechen nicht immer fließt
„Mein Kind wiederholt plötzlich Wörter.“
„Manchmal bleibt es mitten im Satz hängen.“
„Wenn es aufgeregt ist, wird es stärker.“
„Ist das nur eine Phase – oder beginnt mein Kind zu stottern?“
Wenn sich der Redefluss eines Kindes verändert, sind Eltern häufig verunsichert. Wörter oder Silben werden wiederholt, Laute gedehnt oder das Sprechen scheint für einen Moment zu blockieren.
Doch nicht jede Unflüssigkeit ist Stottern.
Und nicht jede Redeflussstörung sieht gleich aus.
Zu den logopädischen Redeflussstörungen gehören insbesondere Stottern und Poltern. Beide können Kommunikation und Teilhabe beeinflussen – unterscheiden sich jedoch deutlich voneinander.
Deshalb gilt auch hier:
Erst verstehen, dann behandeln.
Nicht jedes unflüssige Sprechen ist Stottern
Kinder dürfen während ihrer Sprachentwicklung unflüssig sprechen.
Sie wiederholen Wörter oder Satzteile, beginnen einen Satz neu oder verändern mitten im Sprechen ihre Formulierung. Solche Unflüssigkeiten können zur normalen Sprachentwicklung gehören.
Bei der fachlichen Einschätzung interessiert uns deshalb nicht nur, ob ein Kind etwas wiederholt.
Wir betrachten:
- Welche Art von Unflüssigkeiten tritt auf?
- Wie häufig und wie ausgeprägt sind sie?
- Zeigt das Kind Anstrengung oder Begleitbewegungen?
- Wie entwickelt sich der Redefluss?
- Wie erlebt das Kind selbst sein Sprechen?
Eine einzelne Beobachtung reicht deshalb nicht aus, um Stottern zu beurteilen.
Was ist Stottern?
Stottern ist eine Redeflussstörung, bei der der Sprechablauf typischerweise durch bestimmte Unflüssigkeiten unterbrochen wird.
Dazu gehören beispielsweise:
- Laut- oder Silbenwiederholungen: „K-k-k-kann ich …?“
- Lautdehnungen: „Sssssonne“
- Blockierungen: Ein Laut oder Wort scheint für einen Moment nicht herauszukommen.
Bei manchen Menschen kommen sichtbare Begleiterscheinungen hinzu, beispielsweise erhöhte Spannung, Mitbewegungen, Blinzeln oder ein deutliches Pressen beim Sprechen.
Die Ausprägung des Stotterns kann schwanken.
Müdigkeit, Aufregung, Kommunikationssituation oder andere Faktoren können beeinflussen, wie stark Stottern in einem bestimmten Moment hervortritt.
Das bedeutet jedoch nicht, dass Aufregung oder Stress das Stottern verursacht haben.
Eltern verursachen Stottern nicht
Wenn ein Kind beginnt zu stottern, fragen sich Eltern häufig:
„Haben wir zu viel gefragt?“
„Reden wir zu schnell?“
„War bei uns zu viel Stress?“
Diese Sorge möchten wir ausdrücklich nehmen:
Eltern verursachen das Stottern ihres Kindes nicht.
Ebenso wenig ist Stottern Ausdruck einer „unsicheren Persönlichkeit“.
Die Kommunikationsumgebung kann beeinflussen, wie angenehm oder anstrengend eine Gesprächssituation erlebt wird. Deshalb kann Elternberatung ein wichtiger Bestandteil der Therapie sein.
Das ist jedoch etwas anderes als die Ursache des Stotterns.
„Sprich langsam.“ – gut gemeint, aber nicht immer hilfreich
„Atme erst einmal tief durch.“
„Sprich langsamer.“
„Denk erst nach.“
„Fang noch einmal an.“
Solche Hinweise sind meistens gut gemeint.
Sie können einem Kind jedoch vermitteln:
Mit meinem Sprechen stimmt etwas nicht und ich muss es reparieren.
Oft ist etwas anderes hilfreicher:
Zuhören.
Zeit lassen.
Ausreden lassen.
Und mit der Aufmerksamkeit bei dem bleiben, was das Kind erzählen möchte.
Ein Kind darf erleben:
Was ich zu sagen habe, ist wichtig – auch wenn ich dafür länger brauche.
Was ist Poltern?
Poltern ist ebenfalls eine Redeflussstörung, unterscheidet sich jedoch vom Stottern.
Typisch können unter anderem sein:
- ein sehr schnelles oder unregelmäßiges Sprechtempo
- ausgelassene oder miteinander verschmolzene Silben
- reduzierte Artikulationsgenauigkeit
- unregelmäßige Pausensetzung
- Schwierigkeiten in der sprachlichen Strukturierung
- eingeschränkte Verständlichkeit
Die Aufforderung „Sprich einfach langsamer“ greift auch hier zu kurz.
In der Therapie kann es beispielsweise darum gehen, die Wahrnehmung des eigenen Sprechens zu verbessern, Tempo und Pausen bewusster zu steuern und die Verständlichkeit zu erhöhen.
Stottern und Poltern können außerdem gemeinsam auftreten.
Eine differenzierte Diagnostik ist deshalb wichtig.
Diagnostik – genau hinhören und genau hinschauen
Bei einer Redeflussstörung betrachten wir je nach Fragestellung unter anderem:
- Art und Häufigkeit der Unflüssigkeiten
- Begleiterscheinungen und Anstrengung
- Sprechtempo und Sprechrhythmus
- Verständlichkeit
- Entwicklung und bisherigen Verlauf
- Vermeidungsverhalten
- Auswirkungen auf Alltag und Teilhabe
- das persönliche Erleben des Sprechens
Bei Kindern beziehen wir auch die Beobachtungen der Eltern und Bezugspersonen ein.
Denn entscheidend ist nicht nur, wie das Sprechen klingt, sondern auch, was es für diesen Menschen bedeutet.
Wann kann eine fachliche Abklärung sinnvoll sein?
Zum Beispiel wenn:
- deutliche Laut- oder Silbenwiederholungen auftreten
- Laute auffällig gedehnt werden
- Blockierungen entstehen
- das Kind beim Sprechen sichtbar kämpft oder presst
- Begleitbewegungen auftreten
- das Kind zunehmend frustriert oder belastet wirkt
- Wörter oder Sprechsituationen vermieden werden
- sehr schnelles oder unregelmäßiges Sprechen die Verständlichkeit beeinträchtigt
- Sie unsicher sind, wie Sie die Veränderungen einordnen sollen
Es ist nicht notwendig, erst zu warten, bis ein Kind deutlich unter seinem Sprechen leidet.
Eine fachliche Beratung kann auch dazu dienen, Sicherheit in der Einschätzung zu gewinnen.
Therapie bei Stottern und Poltern
Die Therapie richtet sich nach Alter, Befund, Ausprägung und den individuellen Bedürfnissen.
Bei Stottern kann es beispielsweise darum gehen:
- das eigene Sprechen und Stottern besser zu verstehen
- einen selbstbewussten Umgang damit zu entwickeln
- Sprechverhalten gezielt zu verändern
- Vermeidung abzubauen
- Kommunikationsfähigkeit und Teilhabe zu stärken
Bei Poltern können unter anderem Wahrnehmung, Sprechtempo, Pausensetzung, Artikulationsgenauigkeit und sprachliche Strukturierung im Mittelpunkt stehen.
Bei Kindern ist die Elternarbeit häufig ein wichtiger Bestandteil.
Das Ziel ist dabei nicht einfach:
„möglichst flüssig sprechen“.
Entscheidend ist auch:
Kann der Mensch sagen, was er sagen möchte?
Unser ganzheitlicher Blick auf Redefluss
In unserer Fachpraxis bildet die Sensorische Integration das Fundament unseres therapeutischen Denkens.
Bei Redeflussstörungen ist uns jedoch eine klare fachliche Abgrenzung besonders wichtig:
Stottern ist keine Sensorische Integrationsstörung.
Wir erklären Stottern nicht pauschal durch Stress, Wahrnehmungsprobleme, mangelnde Regulation oder emotionale Unsicherheit.
Unser ganzheitlicher Blick kann dennoch dort relevant werden, wo beispielsweise Körperwahrnehmung, Spannung, Atmung, Regulation und emotionale Sicherheit für den individuellen therapeutischen Prozess bedeutsam sind.
Das eine ersetzt das andere nicht.
Sensorisch-integratives Denken ergänzt die störungsspezifische logopädische Therapie – es ersetzt sie nicht.
Sicherheit bedeutet nicht: „Hier wirst du nicht stottern.“
Emotionale Sicherheit ist ein wesentlicher Bestandteil unserer therapeutischen Haltung.
Nicht, weil ein entspanntes Kind automatisch flüssig spricht.
Sondern weil Entwicklung einen Raum braucht, in dem ein Mensch ausprobieren darf.
Ein Wort darf hängen bleiben.
Ein Kind darf neu beginnen.
Eine Technik darf noch nicht funktionieren.
Stottern darf hörbar sein.
Sicherheit bedeutet für uns:
„Hier darfst du sprechen – auch wenn du stotterst.“
Elternarbeit – Kommunikation darf Beziehung bleiben
Eltern möchten helfen.
Doch der Familienalltag sollte nicht zu einer dauerhaften Therapiesituation werden.
Wir schauen deshalb gemeinsam, was das jeweilige Kind unterstützt.
Das kann beispielsweise bedeuten:
- Zeit zum Erzählen zu geben
- ausreden zu lassen
- Sätze nicht vorschnell zu vervollständigen
- den Inhalt wichtiger zu nehmen als die Flüssigkeit
- Stottern nicht zu tabuisieren
- Fragen des Kindes offen und altersgerecht zu beantworten
Eltern sollen nicht zu Therapeut:innen ihres Kindes werden.
Sie dürfen Eltern bleiben.
Unser Auftrag als Fachpraxis
Nicht jedes unflüssige Kind stottert.
Nicht jedes schnelle Kind poltert.
Nicht jedes Stottern braucht dieselbe Therapie.
Und nicht jede Redeflussstörung hat „Stress“ als Ursache.
Wir möchten deshalb zunächst verstehen:
Welche Form der Redeflussstörung liegt vor?
Wie erlebt der Mensch sein Sprechen?
Wie stark werden Kommunikation und Teilhabe beeinflusst?
Und welche therapeutische Unterstützung ist tatsächlich sinnvoll?
Das ist für uns fachlich fundierte und gleichzeitig ganzheitliche Logopädie.
Sprechen darf Zeit brauchen
Ein Kind kann für einen Satz länger brauchen – und trotzdem unsere ganze Aufmerksamkeit verdienen.
Ein Mensch kann stottern und etwas sehr Wichtiges zu sagen haben.
Deshalb beginnt gute Redeflusstherapie für uns nicht mit der Forderung:
„Sprich flüssiger.“
Sondern mit der Frage:
„Was brauchst du, damit du sagen kannst, was du sagen möchtest?“
Denn am Ende geht es nicht um perfekte Flüssigkeit.
Es geht um Kommunikation, Selbstwirksamkeit und Teilhabe.
Sie machen sich Gedanken über den Redefluss?
Wenn Sie bei Ihrem Kind oder bei sich selbst deutliche Wiederholungen, Dehnungen, Blockierungen, sehr schnelles oder unregelmäßiges Sprechen beobachten oder unsicher sind, ob eine Redeflussstörung vorliegt, kann eine fachliche Abklärung sinnvoll sein.
Bei entsprechender medizinischer Indikation kann eine logopädische Verordnung und anschließend eine differenzierte Diagnostik erfolgen.
Wenn das Anliegen zu unseren Behandlungsschwerpunkten gehört und Sie sich in unserer therapeutischen Arbeitsweise wiederfinden, können Sie sich über unsere digitale Warteliste anmelden.
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